Stadtentwicklung Hörde: Mit Phoenix aus der Asche
von Birgit Niedergethmann
Seit Menschengedenken gilt der Phoenix-Mythos als Symbol der Wiedergeburt, als das Symbol des Neuanfangs aus dem Vergangenen. Diese Thematik hat 1996 eine Ausstellung im Gasometer Oberhausen mit dem Titel "ICH PHOENIX" aufgegriffen. Kein besseres Bild dürfte es für die aktuelle Situation in Dortmund-Hörde geben: "Wieder bin ICH PHOENIX zurückgekommen, um zu sterben, verbrannt zu werden und zukunftsorientiert neu zu erstehen!"
Auch nach dem Finale der Internationalen Bauausstellung Emscherpark (IBA) ver-lassen weitere Produktionsstätten die Industrielandschaft. Die IBA-Projekte haben eine Fülle an realen Zukunftsvisionen für die Industriebrachen umgesetzt und demonstriert, dass Mythos und Moderne in einem zukunftsträchtigen Einklang stehen können. Die Route der Industriekultur zeigt die baulichen Zeugen der Industrialisierungen in einem neuen räumlichen und zugleich identitätsstiftenden Erlebnis- und Bedeutungskontext.
Mit den Flächen von Phoenix West und Phoenix Ost stehen künftig insgesamt 200 ha aufgegebener Produktionsfläche der Montanindustrie für eine Reintegration in das Stadtgefüge von Dortmund-Hörde zur Disposition. Die zukunftsorientierte Wiedergeburt bekommt eine reale Chance.
Planerischer Ansatz dieses Innovationsprozesses muss es sein, Vergangenheit nicht zu konservieren, sondern als offenen Baukasten für neue Nutzungen und ästhetische Antriebe zu verstehen. Das Projekt "Zukunftsentwicklung Hörde" besteht aus Teilprojekten, die zusammen eine große und nachhaltige Projektvision für Dortmund ergeben.
Die Besiedlung von Hörde ist eine Geschichte, die an vielen Orten des Ruhrgebietes erzählt werden kann. Zunächst Schutzplatz im engen Tal der Emscher, später Land-städtchen mit dem Nagelschmiedehandwerk als Hauptnebenerwerbszweig. Die eng beieinanderliegenden "Blackbands" (Steinkohlen- und Eisenerzvorkommen) waren Ursache für die folgende explosive siedlungsgeschichtliche Entwicklung. 1839 er-warb Hermann Dietrich Piepenstock das Gelände im Bereich der Hörder Burg und gründete ein Eisenwerk -die Hermannshütte-, das älteste Unternehmen der Schwerindustrie im weiten Dortmunder Umkreis - die rücksichtslose und raumer-greifende Industrialisierung begann.
Seit diesem Zeitpunkt wird der Stadtbezirk Hörde im Südosten der Innenstadt von Dortmund, der erst im Jahre 1928 eingemeindet wurde, durch die Monostruktur der Großindustrie terminiert, hängt am Nabel seiner konjunkturellen Schwankungen. Der Ortskern von Hörde liegt eingekeilt zwischen dem Hochofenwerk Phoenix West un-mittelbar südlich des Westfalenparks an der B 54 und dem Stahlwerk Phoenix Ost, der ehemaligen Hermannshütte- in unmittelbarer östlicher Ortskernrandlage. Beide Werke zeigen eine unverwechselbare markante Silhouette, sind aber auch Ursache für ein deutliches Nord-Süd-Gefälle im Stadtbezirk. Die "Arbeiterstadt" im Norden, lange Zeit von Umweltbelastungen - auch als der Himmel über der Ruhr schon blau war - geplagt, und der "Hörder Süden" mit dem Golfplatz Reichsmark und der Spielbank Hohensyburg oberhalb des Hengsteysees verdeutlichen auf kleinem Raum die markanten Dispariäten in der Region. Der Ortskern selbst ist erkrankt an einem zu-nehmenden Imageverlust sowie deutlichen Tradingdown-Effekten im Einzelhandel.
Trügerisch sentimentale Hoffnungen, ohne Ideen für eine zukunftsorientierte Stad-tentwicklung begleiten den Abschied von alten Strukturen. 1966 vereinnahmt die Hoesch AG den Standort, " mit Menschen, Schrauben und Maschinen,.." wie es im Fusionsvertrag heißt. Seit 1991 heißt KruppHoesch der Besitzer, seit 1998 der ThyssenKrupp-Konzern. Oktober 1998: Der Ofen auf Phoenix West ist aus, das Ende für Phoenix Ost absehbar.
Eine Erneuerung ergibt sich in den Städten heute nicht
mehr von selbst, vielmehr muss sie aktiv und offensiv organisiert werden.
Die Zeiten, in denen Planung Räume für private Investoren zur
Verfügung zu stellte und dies mit dem Ausbau der öffentlichen
Infrastruktur koordinierte, sind vorbei. Heute geht es in der Stadtentwicklung
darum, ökonomische Aktivitäten anzustoßen, Investoren für
ein brachliegendes Gelände zu finden und die notwendigen Public-Private-Partnership-Modelle
ins Leben zu rufen.
Die Suche nach postindustriellen, dauerhaften Nutzungskonzepten erfolgt
in Dortmund vor dem Hintergrund einer gesamtstädtischen Zukunftsvision
- der E-City Dortmund. Mit der Installation des sogenannten dortmund-project
nimmt die Stadt Kurs in eine neue Gründerzeit. 1999 hat die Stadt gemeinsam
mit dem Thyssen-Krupp-Konzern, der Unternehmensberatung McKinsey und Dortmunder
Institutionen den Rahmen für die neue Zukunftsvision abgesteckt. Dortmund
strebt eine Füh-rungsposition im Sektor der New Economy als Grundlage
einer neuen wirtschaftli-chen Stabilität an. Zielsetzung ist es, neue
Unternehmen anzusiedeln, Gründungs-hilfen anzubieten und Arbeitsplätze
in zukunftsfähigen Branchen wie E-Commerce, Informationstechnologie
und Mikrosystemtechnik zu schaffen. Bei dieser Zielsetzung kann die Stadt
Dortmund auf die Erfolge des Technologieparkes im Bereich der Uni-versität
als Ansiedlungsschwerpunkt der ersten Generation sowie aktuelle Ansied-lungen
auf dem Areal der Stadtkrone Ost, dem ehemaligen Kasernengelände an
der B 1, aufsatteln.
Der Stadtbezirk Hörde mit seinen Leitprojekten spielt in dieser Zukunftsvision eine bedeutsame Rolle.
Phoenix West - mit New Economy in die Zukunft
Die Hauptakteure, ThyssenKrupp als heutiger Eigentümer, die Landesentwicklungs-gesellschaft
als künftiger Eigentümer sowie die Stadt Dortmund, haben eine
Arbeits-gemeinschaft mit der Zielsetzung, einen konzentrierten Standort
für Zukunftstech-nologien in Kombination mit Freizeitangeboten zu entwickeln,
gebildet. Im Februar 2000 wurde für das Areal von Phoenix West eine
Entwicklungswerkstatt durchgeführt. Die Entwürfe von drei Planungsbüros
mit ihren sehr unterschiedlichen Lösungsansätzen haben im Ergebnis
besondere Beachtung gefunden.
Der Entwurf von Davids Terfrüchte und Partner aus Essen entwickelt eine scharf kontuierte rechteckige Großstruktur "Platine", die in einer artifiziellen Landschaftss-kulptur liegt. Die städtebauliche Figur sucht keine Ableitung aus dem gewachsenen Umfeld, sondern definiert selbstbewusst eine neue introvertierte Identität.
Das Büro Faltin · Scheuvens · Wachten aus Dortmund arbeitet mit den drei Elementen Insel, Streifen und Rückgrat. Die Insel im Osten setzt die ehemalige Hochofenanlage exponiert in Szene. Die Streifen im Westen verzahnen das neue Areal mit den nördlichen Landschaftsstrukturen. Beide Elemente werden durch das Rückgrat südlich der Hochofenstraße zu einer konzeptionellen Einheit.
Der favorisierte Entwurf wurde von dem Dortmunder Büro Stege und Partner erar-beitet. Diese Planung entwickelt die städtebauliche Figur aus der umgebenden Landschaft von Westfalenpark, Emschertal und Rombergpark. Durch einen neuen Landschaftskeil im Entrée wird ein sogenanntes Landschaftkreuz geschaffen, das mit einem Hochhaus-Hybrid als Landmarke zur B 54 wesentliches Merkmal des Ent-wurfes datsellt. Die bauliche Struktur interpretiert die klar orientierte historische In-dustriebebauung in Ost-West-Richtung. Mit besonderer Leichtigkeit und ohne dra-maturgische Inszenierung werden die denkmalwürdigen Altindustrieanlagen inte-griert. Solitäre, in den Landschaftsraum gebettete Freizeitinseln schaffen den Über-gang zum Westfalenpark.
Der städtebauliche Rahmen ist vorgedacht. Der Abschluss der Verkaufsverhandlun-gen zwischen ThyssenKrupp und der LEG zur Aufnahme in den Grundstücksfonds Ruhr eröffnet in Kürze offiziell das Qualifizierungs- und Umsetzungsfinale mit Betei-ligung aller involvierten Akteure.
Phoenix Ost - die Renaissance des Wassers
Die planerische Konzeption für Phoenix Ost ist die mutige Vision, mit
dem Alten konsequent zu brechen. Hier werden keine Anleihen auf die industrielle
Vergangen-heit gemacht, sondern intakte Landschaftsformen vor der Industrialisierung
fiktiv, im Sinne eines "New Urbanism", aufgegriffen und als zentrales
Leitmotiv herausgestellt. Es ist der Versuch eine neue "schöne"
Adresse für Hörde zu schaffen und die wei-chen Standortfaktoren
für die Entwicklung von Phoenix West zu optimieren.
Mit der Realisierung von Phoenix Ost wird der industrielle Standort bewusst negiert und mit einem positiven Image "Wasser in der Stadt" belegt werden. Die Leitidee basiert auf der Grundlage eines Entwurfes des Stadtplanungsamtes. Im Verlauf der früheren Flussniederung der Emscher soll ein ca. 30 ha großer See entstehen, der neues Identifikationsmerkmal und Promotor für die Gesamtentwicklung von Hörde sein wird. Der Phoenixsee wird umsäumt von zentrumsergänzenden Nutzungen im westlichen Bereich sowie neuer Wohnbebauung entlang seiner Uferpromenade. Zentraler Punkt ist ein Hafenplatz mit einer Marina im Bereich der historischen Hör-der Burg, einst Sitz der Montanverwaltung. Als markantes historisches Wahrzeichen soll auch weiterhin der Fackelturm mit seiner Flamme am Nachthimmel von Hörde strahlen.
Eine kühne Vision, deren Umsetzung sich nun den harten Fakten einer Machbar-keitsstudie stellen muss. Die ersten Ergebnisse ermutigen zum Weitermachen.
Ortskern- die erneuerte Mitte
Auch der Ortskern bereitet sich auf das neue Hörde vor. Eine Rahmenplanung
mit zahlreichen Handlungsfeldern ist konzipiert worden. Ein glücklicher
Zufall, dass freiwerdende Flächen der Bahn AG eine städtebauliche
und verkehrliche Neuord-nung des zentralen Bahnhofsumfeld ermöglichen.
Das Initialprojekt ist der geplante Neubau der Bezirksvewaltungsstelle von
Hörde mit weiteren Büro- und Einzelhan-delsflächen durch
eine private Investorengemeinschaft. Im Rahmen eines im August dieses Jahres
durchgeführten Gutachterverfahren konnte sich der Entwurf der Pla-nungsgruppe
Drahtler aus Dortmund durchsetzen. Hier wird das neue Selbstbe-wusstsein
demonstriert und offene, bürgerfreundliche Verwaltung auch räumlich
er-möglicht.
"ICH PHOENIX" ist der selbstbewusste Ruf des sehenden Menschen, der die Zei-tenwende erkennt, den schmerzhaften Abschied vom Alten bewusst erlebt, um sich mit der Zukunft auseinander setzen zu können.
Die Zeiten der planerischen Zurückhaltung ,Ohnmacht und Handlungsunfähigkeit gegenüber der Raumdominanz industrieller Großstrukturen ist vorbei. Stadtplanung kann wieder Visionen aufzeigen und entfacht in einem Stadtbezirk mit ca. 55.000 Einwohnern Begeisterung, Diskurs und Aufbruchstimmung aller involvierten Akteure. Nur diese positive und visionäre Grundeinstellung kann den Strukturwandel bewirken, und es wird keinem weh tun, wenn der Phoenixsee etwas kleiner ausfällt als geplant.
Birgit Niedergethmann ist als Landschaftsarchitektin und Stadtplanerin im Stadtplanungsamt Dortmund tätig